Umgang mit traumatisierten Teilnehmer*innen

Bericht eines Kollegen aus Österreich:

Für manche Dinge gibt es keine guten Worte. Auch nicht auf Deutsch.

Eine syrische Teilnehmerin erzählt im Deutschkurs, dass sie gestern vom Tod ihres Cousins erfahren hat. Er ist auf der Flucht über das Mittelmeer vor der griechischen Küste ertrunken.

Ich weiß nicht, wie ich damit umgehen soll. Mit der Adjektivdeklination kann ich schlecht weitermachen. Ich habe einen „Panic Button“ im Kursraum für den Fall, dass Teilnehmer*innen aggressiv werden, aber keinen für solche Situationen. Also ziehe ich die Pause vor und beende die Einheit.

Von den Kolleg*innen im Pausenraum können fast alle ähnliche Geschichten von Kursteilnehmer*innen erzählen – Menschen aus Tschetschenien, Afghanistan, Uganda und anderen Teilen der Welt, die wir hauptsächlich aus Kriegs- und Katastrophenmeldungen in den Nachrichten kennen.

Wir arbeiten mit Menschen, die schwere traumatische Erfahrungen gemacht haben und noch immer machen. Meine Kursteilnehmerin kommt, wie einige andere in meinen Kursen, aus Syrien. Assad hat gerade eine Militäroffensive gestartet, um ihre Heimatstadt einzunehmen. Wie sollen diese Menschen sich die korrekte Verwendung von Präpositionaladverbien konzentrieren, wenn in diesen Stunden das, was von ihrer Heimatstadt noch steht, von der Armee eines Diktators auf der einen Seite und islamistischen Milizen auf der anderen in Schutt und Asche gelegt wird?

Ein Deutschkurs dauert knapp 4 Monate: 5 Tage die Woche, täglich 3 Stunden. Wir verbringen während dieser Dauer mit diesen Menschen wohl so viel Zeit wie viele Beschäftigte im Sozialbereich mit ihren Klient*innen. In vielen Berufen, die im Arbeitsalltag mit denselben oder ähnlichen Situationen konfrontiert sind, gehört Supervision zur Arbeitszeit: in Ruhe über alles reden, das eigene Verhalten beobachten und ändern lernen, um einigermaßen professionell damit umgehen zu können anstatt auszubrennen oder einzufrieren. Bei uns gibt es alle zwei Monate einen Supervisions-Termin – außerhalb der Arbeitszeit.

Heute wurde ich in der Arbeit gefragt, was ich brauche, um besser arbeiten zu können. Neben ausreichender bezahlter Vor- und Nachbereitungszeit für meine Kursstunden sowie einem anständigen Gehalt für die Arbeit, die wir leisten, ist Supervision in der Arbeitszeit dafür das absolut Mindeste, um nicht daran zu zerbrechen.

Ich habe ihr an dem Tag nur zeigen können, dass man auf Deutsch „mein Beileid“ sagt, wenn man ausdrücken möchte, dass man ebenfalls trauert. Und das ist so unendlich viel zu wenig.

(sk)