ZQ BSK: ein siebter Erfahrungsbericht

Bild von Dariusz Sankowski auf Pixabay
Bild von Dariusz Sankowski auf Pixabay

Heute veröffentlichen wir unten einen siebten Bericht zur ZQ BSK. Wir, das Bündnis, bitten Euch um Erfahrungsberichte über Eure BSK-Zusatzqualifizierungen. Schickt uns bitte den Text in anonymisierter Form zu, und schreibt bitte gleich, ob Ihr mit einer Veröffentlichung einverstanden seid.  Wir werden dann eine Auswahl ans BAMF und BMAS schicken.

 

 

Schwarze Pädagogik des BAMF – eine Abrechnung

 

„Realisierung von Gefühlen, Haltungen und Meinungen“ lautet das übergreifende Handlungsfeld C im Lernzielkatalog des BAMF. Es soll unsere Schutzbefohlenen auf das Leben in der Demokratie vorbereiten. Genau dieses Handlungsfeld nehme ich nun für mich selber in Anspruch, um an dieser Stelle meine Meinung zur Rolle des BAMF in der gerade überstandenen ZQ zu artikulieren. Die empfohlene Anonymität (auf die ich pfeife) ist allerdings ein Zeichen für die Befürchtung, dass selbst in unserer Demokratie die Äußerung von öffentlicher Kritik negative Folgen haben kann. Darin kommt eine Widersprüchlichkeit zum Ausdruck, welche die ZQ im Kern betrifft, wie zu zeigen sein wird.

 

Die Materialien des BAMF zeugen nach meiner Einschätzung für eine geballte pädagogisch-didaktische Kompetenz. Das betrifft etwa die Konzepte der einzelnen BSK-Typen, vor allem aber den Lernzielkatalog, der schlüssig gestaltet ist und eine schnelle Orientierung ermöglicht. Hilfreich waren in unserer ZQ auch zahlreiche didaktische Anregungen und methodische Tools. Am wichtigsten waren mir die Inhalte zur Berufsschulpädagogik und zum berufsbezogenen Deutsch, von denen ich als ursprünglicher Gymnasialpädagoge so gut wie gar nichts gewusst hatte. Ich habe den damit verbundenen Auftrag, unsere KTN frühestmöglich für die Integration in den Arbeitsmarkt vorzubereiten, verstanden und verinnerlicht. Wir sind uns im Ziel einig, auch über den Weg dahin, für den die ZQ viel geboten hat. In dieser Hinsicht war und ist die ZQ eine dankenswerte Investition in unsere berufliche Handlungsfähigkeit als BSK-Dozenten.

 

Aber, aber, aber! Zur pädagogisch-didaktischen Kompetenz gehört zwingend eine professionelle Zeitplanung, wie jede Lehrkraft weiß. Diese darf die Grenze vom Eustress zum Distress nicht überschreiten, auch wenn letzterer nicht immer vermieden werden kann. Im Falle der ZQ hat das BAMF mit seiner Zeitplanung die Grenze des Zumutbaren so weit und so eindeutig überschritten, dass schädlicher Stress förmlich gewollt erscheinen kann. Ich brauche die absurde Materialien- und Aufgabenfülle nicht detailliert aufzufächern; auf sie ist in anderen ZQ-Berichten schon deutlich genug Bezug genommen worden. Man muss kein Fachmann sein, um das irrwitzige Missverhältnis auf Anhieb zu erkennen: Dafür reicht allein der gesunde Menschenverstand. Das BAMF hat damit seine eigenen ehrgeizigen ZQ-Ziele unterlaufen, da in unserer ZQ viele sinnvolle Inhalte nur im Galopp angerissen werden konnten oder sogar ganz auf der Strecke bleiben mussten.

 

Wie ist das möglich, wenn bei der ZQ-Planung nach Aussage des BAMF-Pressesprechers Sander Fachleute mit „eigener, langjähriger Lehrerfahrung“ mitgewirkt und dabei angeblich auch „Fragen der praktischen Umsetzbarkeit“ berücksichtigt haben? Logischerweise kann nur eins von beiden stimmen. Entweder verfügt das BAMF nicht über die erforderliche Kompetenz oder es hat in voller Absicht gehandelt. Schlussfolgerung: Es kann nur das Letztere zutreffen. Den einzigen denkbaren rationalen Grund dafür sehe ich in dem Druck der Notwendigkeit, die Massen an Geflüchteten zur Entlastung der Staatskassen so schnell wie möglich in den Arbeitsmarkt zu bringen. In dem Fall würde das BAMF diesen Druck als unsäglichen Zeitdruck ungemildert an die Lehrkräfte weiterleiten. Das würde einen verantwortungslosen Umgang mit der Gesundheit der Lehrkräfte bedeuten, auch der psychischen. In unserer ZQ habe ich gesagt: „Das ist ein Anschlag auf unsere Gesundheit!“ Und meiner Schulleiterin habe ich geschrieben: „Ich spüre den Druck des BAMF bis in meinen Magen“. Matthias Jung, geschäftsführender Vorstand des IIK in Düsseldorf und erfahrener ZQ-Trainer, sagte gegenüber der GEW: „Ich habe vor dieser ZQ noch nie Tränen bei Fortbildungsteilnehmenden gesehen“, weil sie „mit dem Druck nicht klarkommen.“

 

Nur gestärkte, nicht geschwächte Lehrkräfte, können die Mammut-Aufgabe lösen. Das gilt um so mehr, wenn wir nach Ansicht des BAMF „einen der wichtigsten Einflussfaktoren“ für einen erfolgreichen Deutschunterricht darstellen. Die Bundesbehörde scheint eine hohe Meinung von uns zu haben – sie sieht in uns offenbar sogar eine Spezies von Supermenschen, wie ihre maßlosen Erwartungen an die idealtypische Lehrkraft zeigen. Doch das spiegelt sich weder in der Bezahlung noch in anderen Formen der Anerkennung wider. Die idealtypische Lehrkraft des BAMF ist eine Art Presswurst, in der beliebig viel Stoff verdichtet werden kann, der beliebig viele Aufgaben aufgebürdet werden können. Ich würde zwar nicht so weit gehen wie der erste ZQ-Bericht, wonach die „Konzeption der ZQ (…) ein ganzes Studium abdecken zu wollen“ scheint, „was in der Kürze der Zeit nicht funktionieren kann“. Aber es scheint doch mindestens ein nachgeschobenes Referendariat im Stauchformat zu sein.

 

Da es mir in meinem Alter von 61 Jahren nicht möglich war, ein solches „Referendariat“ parallel zu meiner normalen Arbeitsbelastung zu absolvieren, musste ich mir dafür unbezahlten Urlaub nehmen. Ich hatte das Glück, mir das finanziell leisten zu können – jedoch nicht von meinem Einkommen als DaZ-Lehrer. Wäre ich auf dieses angewiesen gewesen, wäre ich dem unmenschlichen Druck des BAMF hilflos ausgeliefert gewesen. In diesem Fall hätte ich nach wenigen Wochen beides hinschmeißen müssen: Job + ZQ. Daran habe ich nach der Erfahrung der ZQ nicht den geringsten Zweifel. Keine Aufgabe (vom Gehalt ganz zu schweigen) ist es wert, dafür meine Gesundheit aufs Spiel zu setzen. Schon gar nicht das BAMF, das sich derart empathielos gezeigt hat.

 

Nur empathielos? Zeitdruck ist ein unverdächtiges Druckmittel, weil sich Sachgründe dafür vorschieben lassen. Ich glaube der Suggestion des BAMF nicht, dass die ZQ nicht hätte humaner gestaltet werden können. Ich unterstelle ihm eine tiefsitzende Schwarze Pädagogik gegenüber uns Lehrkräften, die wir gleichwohl zu „weißen Pädagogen“ ausgebildet werden sollen. Das ist der zentrale Widerspruch. In diesem Zusammenhang unterstelle ich dem BAMF zudem ausbeuterische Absichten. Wir scheinen in seiner Sicht eine Verfügungsmasse zu sein, die – gerade auch mit dem Mittel temporaler Repression – nach Belieben gesteuert und geformt werden kann. Ich erinnere mich noch an die Alpha-ZQ. Damals hatte das BAMF, genauso wie heute, eine scharf kalkulierte Deadline gezogen, um den Zeitdruck zu installieren. Das war die negative Motivation. Die positive bestand in einer Möhre, die uns am kurzen Stock vor die Nase gehalten wurde: Ein paar Euro Zuschlag sollte uns in die Alpha-ZQ locken. Als der Mohr seine Schuldigkeit getan und den Berg der Alphabetisierungsfälle abgearbeitet hatte, wurde die Möhre wieder eingezogen. Genau das erwartet uns auch diesmal, wenn hinlänglich viele Migranten in den Arbeitsmarkt vermittelt sein werden und nicht genügend neue ins Land kommen sollten.

 

Reden wir, wie eingangs angekündigt, vor diesem Hintergrund auch von Gefühlen. Meine Wut aus der Anfangszeit der ZQ (als ich noch nicht von meinen Unterrichtsverpflichtungen freigestellt war) hat sich zu einer andauernden Abneigung gegenüber dem BAMF abgekühlt. Ich sehe darin eine emotionale Reaktion auf dessen Kälte und Rücksichtslosigkeit. Ist sich irgend jemand in dieser unnahbaren Behörde bewusst, welche Folgen das haben kann? Der 6. ZQ-Bericht schließt verallgemeinernd mit dem Satz: „Über die zunehmende Unzufriedenheit der BürgerInnen, Politikverdrossenheit und entsprechende (Protest-)Wahlergebnisse müssen sich die Verantwortlichen im Amt nicht wundern.“ Für meine Solidarität mit unserer Gesellschaft und unserer Demokratie steht bislang meine Arbeit als DaZ-Lehrer. Wenn aber pädagogischer Idealismus zur Ausbeutungsgrundlage wird, gebe ich ihn kaltlächelnd auf. Was würde eigentlich geschehen, wenn ein erheblicher Teil der Lehrkräfte ihre Zulassungen an das BAMF schicken würden mit der Bitte, sie zu schreddern? Weil man sich leider keinen eigenen Papierschredder leisten könne? Davon habe ich schon geträumt. Man kann alles tun, wenn man zu den Folgen bereit ist. Kommt mir das BAMF noch einmal mit einem solchen ZQ-Brocken unter gleichen Bedingungen um die Ecke, dann mache ich es wahr.

 

Kommunikation! In sozialen Kontexten gibt es immer einen Zusammenhang zwischen Problemen und falscher oder fehlender Kommunikation. In der ZQ haben wir uns auch mit Schlüsselkompetenzen befasst. Wie steht es diesbezüglich mit dem BAMF als „Vorbild“? Über eine unverzichtbare kommunikative Schlüsselkompetenz verfügt das BAMF ganz sicher nicht: Kritikfähigkeit. Ich habe noch nie gehört, dass das BAMF Kritik angenommen hätte - weder von Lehrkräften, Kursträgern oder ZQ-Trägern. Erwartungsgemäß hat es auch jede Kritik an der ZQ-Konzeption mit den bereits zitierten Äußerungen Herrn Sanders zurückgewiesen. So sieht also der „Umgang mit Dissens und Konflikten“ (übergreifendes Handlungsfeld B) des BAMF aus. Vielen Dank für das Lehrstück in Sachen Demokratie!

 

.................

Nach Abschluss dieses Berichtes kam die Nachricht herein, dass das BAMF die Frist verlängert hat: Lehrkräfte dürfen nun bis zum 30.06.22 ohne die ZQ in BSK arbeiten. Ein Zeichen von Einsicht und Einfühlung? Auch späte Fristverlängerungen sind nach meiner Erfahrung typisch für das BAMF, sie können sogar in letzter Minute erfolgen. Dafür müssen allerdings schon ein paar Leichen im Keller liegen. Bis dahin spielt das Leiden der Lehrkräfte keine Rolle für den scheinbar gnädigen Dienstherren. Aber selbst wenn in diesem Fall nichts zu unterstellen wäre: Die ZQ-Zeitkonzeption des BAMF ist selbstverständlich gescheitert. 

Wolfgang Koch